Eine Auswahl meiner bisher veröffentlichten sowie einiger unveröffentlichter Kurzgeschichten.
Ich glaube an Wiedersehen
Ich hab heute Nacht von dir geträumt. Ich konnte dich so deutlich vor mir sehen, dich umarmen, dich riechen. Oh, dich riechen. Dein unverwechselbarer Du-Geruch. Es war so ein besonders schöner Wohlfühltraum, und in den wenigen Sekunden, als der Schlaf von mir abfiel und ich so richtig zu Bewusstsein kam, da dachte ich, es ist alles noch so, wie es gewesen war.
Aber es ist nicht mehr so, wie es mal war. Nichts mehr. Du bist weg und der Schmerz darüber zerreißt mich fast. Ich habe seit Wochen nicht mehr richtig Luft geholt, so kommt es mir zumindest vor, und meine Augen brennen vor lauter geweinten und inzwischen ungeweinten Tränen.
Ich hätte nie geglaubt, dass unsere Liebe so jäh enden könnte. Wie sollte ich auch darauf vorbereitet sein? Alle unsere Ziele, Pläne und jede Routine zerbarsten mit dir und unserem Auto bei Glatteis an dieser alten Eiche.
Ich wollte dir doch noch so viel sagen. Doch jetzt ist nur Leere und Stille, die mich umgibt.
Mir schnürt es wieder meine Kehle zu, als ich auf dem Weg in die Küche an deinem Foto vorbeikomme. Wie du gelöst in die Kamera strahlst. Lebendig. Lebensfroh. Wunderschön.
Mit zitternden Fingern greife ich zu den Streichhölzern und zünde die Kerze für dich an. Oder vielmehr für mich. Etwas Wärme, etwas Licht und Bewegung in unserem leeren Zuhause. Meinem leeren Zuhause.
Mein Blick fällt auf den Stapel Karten, Trauerkarten, die unzählig auf dem Schränkchen neben deinem Foto und der Kerze liegen. Ich greife danach und lasse sie durch meine Finger laufen. Wahllos fasse ich eine Karte und betrachte sie, als würde ich sie zum ersten Mal sehen.
In der Hoffnung auf ein Wiedersehen
In dunkelgrünen Lettern steht dieser Satz auf der Karte. Ich schluchze auf, und wieder brennen Tränen heiß in meinen Augen. Aber, als hätte sich etwas gelöst, kann ich endlich tief einatmen. Meine Lungen füllen sich mit Sauerstoff, und das ist so wohltuend und befreiend, dass sich mein Gesicht automatisch zu einem Lächeln verzieht. Ein bekanntes Gefühl, aber nach den letzten Wochen so ungewohnt, und fast schäme ich mich. Bevor sich das schlechte Gewissen weiter in mir ausbreiten kann, weil ich lächeln kann und du nicht mehr, konzentriere ich mich wieder auf die Karte in meiner Hand. Ein Wiedersehen. Was für ein Trost, denke ich. Wir werden uns wiedersehen.
Unser Glaube war eine ganz grundlegende und verbindende Sache für uns. Damit verbunden auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Nach dem Tod ... In meiner Vorstellung wäre das frühestens in vierzig Jahren eingetreten.
"In der Hoffnung auf ein Wiedersehen", flüstere ich leise, lege die Karten zurück und streiche zärtlich über dein Gesicht auf dem Foto vor mir. Wie konnte dieser kostbare Trost nur wochenlang unter all dieser zerfressenden Trauer verschüttet liegen? Automatisch greife ich zu dem kleinen Kreuz, das ich an einer Kette um meinen Hals trage, du hast es mir vor vielen Jahren geschenkt.
Wir werden uns wiedersehen und dann wird Gott ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen. (Bibel HfA, Off. 21,4)
meer
Und jetzt steh’ ich da, die schwarze, enge Hose, eher leidlich bis zu den Knien hochgekrempelt. Meine gelben Gummistiefel und Socken im Sand hinter mir achtlos verteilt. Mein grüner Allwetterparka flattert im Wind, und mein sonst geordneter, kastanienbrauner Bob wirbelt wirr um meinen Kopf. Der Sturm rauscht in meinen Ohren. Ich höre nur das Meer, endlich. Und ich spüre es. Die kalten Wellen, die über meine Füße schwappen, das Wasser, das an meinen Schienenbeinen danach hinunterläuft. Der salzige Geschmack auf meinen Lippen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das Meer oder meine Tränen schmecke, die unentwegt aus meinen Augen quellen, über meine Wangen laufen, bevor sie am Hals von meinem Rollkragen aufgesaugt werden.
Dieser kalte Tag im Herbst, hier, genau jetzt, darauf habe ich so lange gewartet, denn ich wusste, dass du mich verstehst. Graue See, unbeugsam, wild, laut. Es wäre so einfach, jetzt weiterzugehen. Schritt für Schritt. Erst würden meine Knie nass, dann die Hose, der Parka schwerer, wenn er, mit Wasser vollgesaugt, nach unten zieht, kurz bevor du mich verschlingst … In diesem Moment nehme ich zum ersten Mal das Licht des Leuchtturms wahr. Ein heller Schein, weg, wieder da, weg, wieder da. Fasziniert schaue ich zu, wie der helle Strahl im Zwielicht des Abends seine Kreise zieht. Er lenkt mich ab von meinen dunklen Gedanken. Ist es das, was ich will? Nein. Aber ich könnte es tun, einfach so. Es würde keinen Unterschied machen. Es wäre so leicht. Leichter, als es nicht zu tun. Der Scheinwerfer des Leuchtturms kehrt zurück. Unwillkürlich seufze ich auf, ich stolpere ein paar Schritte rückwärts, spüre nicht, wohin ich trete, denn meine eiskalten Füße finden keinen Halt. Bei meinen Gummistiefeln angekommen, lasse ich meinen klammen Körper in den Sand fallen. Ich atme stoßweise, meine Tränen versiegen noch immer nicht. Ich halte meine Augen geschlossen, lasse den Sand durch meine Finger rieseln und lausche. Beständiges Rauschen der Wellen. Immer wieder, ununterbrochen. Mein Herzschlag wird ruhiger und passt sich der Gleichmäßigkeit des Meeres an. Ich werde ruhiger. Meine Fingerspitzen tasten eine scharfe Kante, Rillen. Ich richte mich auf und muss mehrmals blinzeln. Es ist inzwischen fast komplett dunkel, alles um mich her in ein alles verschlingendes Grau getaucht und fast vorwitzig hell, nahezu leuchtend, liegt die kleine Muschelschale in meiner Hand
Da löst sich etwas in mir. Es ist lange her, doch ich kenne dieses Gefühl. Es ist mir vertraut, wie ein alter Mantel, den man lange nicht getragen hat. Etwas zu groß, etwas unbequem, doch dann mollig warm und einen bekannten Geruch verbreitend. Ein feines Ziehen macht sich in meinem Herzen breit, genau dort, wo lange Zeit diese unbändige Sehnsucht saß. Es breitet sich langsam in mir aus und wächst - Freude, Glück, Angekommensein.
Wieder merke ich, wie mir heiße Tränen in die Augen treten, doch diesmal aus Erleichterung. Ich weiß nicht, wie lange ich dagesessen habe, aber ich weiß, dass ich bleiben werde, denn ich bin da, wo ich immer sein wollte. Nicht, um etwas zu beenden, sondern um anzufangen, denn hier an diesem grauen, rauen, unbändigen Ort ist meine Seele zu Hause.
Mitch's Market
Dicht ans Regal gedrängt, verharre ich. Ich wage kaum zu atmen. Meine Hände, nein, mein ganzer Körper kribbelt vor Aufregung und Anspannung. Sollte es wirklich funktionieren? Es wäre unglaublich, aber auch nicht überraschend, wenn nicht. Ich schiebe meinen rechten Fuß etwas nach vorn und verlagere mein Gewicht. In Zeitlupe schiebe ich meinen Kopf aus der Deckung. Gerade als ich mich in Sicherheit wähne, höre ich eine Melodie. Schief gepfiffen, aber voller Pathos, Bernie ist also noch da. Es muss Bernie sein, denn nur er hat dieses hohe Zischeln in seinen Pfeiftönen, muss wohl an dem fehlenden Schneidezahn in seiner Kauleiste liegen. Ich grinse lautlos, schließe meine Augen und bewege meinen Körper in umgekehrter Reihenfolge zurück in den schützenden Schatten. Die Melodie kommt näher. Bernie kommt näher, und langsam steigert sich meine Aufregung ins Unermessliche. „Was soll schon passieren?“, frage ich mich im Stillen, merke aber, dass sich meine Lungen vor Panik nicht mehr komplett mit Sauerstoff füllen lassen. „Atmen. Atmen. Atmen.“, versuche ich mich gerade zu beruhigen, als Bernie vom schiefen Pfeifen auf Gesang wechselt. Eine sehr eigenwillige Interpretation von Bon Jovis – It’s My Life hallt durch die Gänge des kleinen Minimarkts. Oh nein! Bitte, bitte nicht. Ein Lachen, so plötzlich, dass ich es kaum aufhalten kann, schießt in meinen Bauch und arbeitet sich meine Kehle hoch. Ich presse die Lippen zusammen und merke, wie sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzieht. Ich balle meine Hände zu Fäusten, sodass sich meine Fingernägel fest ins Fleisch bohren. Ich merke, wie sich meine Augen vor unterdrücktem Lachen mit Tränen füllen und will meine Aufmerksamkeit wieder auf meine Atmung lenken. Ich muss pinkeln. Ausgerechnet jetzt! Am liebsten hätte ich laut aufgestöhnt, aber unterdrücke auch diesen Impuls. Kurzzeitig von meiner Blase abgelenkt, habe ich gar nicht gemerkt, dass das Pfeifen und Singen aufgehört hat.
Mich umgibt Stille. Ein lautes, rollend-scharrendes Geräusch durchschneidet sie. Dann wieder Stille. Bernie muss das Rolltor heruntergelassen haben. Ich atme langsam und stoßweise aus, lockere meinen verkrampften Körper und wische die Tränen von meinen Wangen. August wird mir nie glauben, wenn ich ihm davon erzähle. Vorsichtig taste ich mich nach vorn. Noch ein Schritt, dann stehe ich im gedämpften Licht der Tiefkühltruhen, die leise vor sich hinsummen.
Geschafft. Es hat tatsächlich funktioniert. Ich bin allein. Eine Nacht allein in Mitch`s Market. Ich recke meine Faust als Siegerpose in die Höhe, bevor ich auf Zehenspitzen die Gangreihen entlangschleiche. Ich brauche dringend Nervennahrung. Selbst im Dunkeln finde ich auf Anhieb den orangen Karton Reese’s und ziehe eine Packung heraus. „Reese isst Reese’s“, hallt das Spotten meiner Klassenkamerad:innen durch meinen Kopf. Ich schüttle den Gedanken ab und lass es mir schmecken, während ich durch den Laden in Richtung der Getränke schlendere. Ich brauch’ dringend eine Coke, immerhin sind es noch fünf Stunden, bis die Frühschicht hier auftaucht, und eine weitere Stunde, bis der Laden öffnet und ich die Chance habe, unauffällig durch die Tür rauszuspazieren, direkt auf Augusts verblüfftes Gesicht zu. Die Vorstellung daran, hebt meine Stimmung augenblicklich. Hätte er gewinnen wollen, hätte er sich nicht mich für seine Wette aussuchen sollen.
Nachts im Wald
Meine Lunge brennt bei jedem Atemzug und mein rechter Knöchel pocht im Rhythmus meines Pulses, seit ich über die hervorstehende Wurzel gestolpert bin, die aus dem Boden ragte. Es ist aber auch dunkel. Gordon würde sagen: wie im Bärenarsch. Ein keuchendes Lachen entrinnt meiner Kehle, während ich weiter renne. Da vorn sehe ich die weiße Kapuze wieder. Zum Glück hat dieses Miststück keine dunklen Klamotten an. Für meinen Geschmack nur zu viel Ausdauer. Scheiße, irgendwann muss ihr doch die Puste ausgehen, sonst geht sie mir aus. Hätte ich mal mehr trainiert. Quatsch, überhaupt trainiert und diese abartigen Haferflocken gegessen. Jetzt hängt meine Wampe über dem Gürtel, jede Pore an mir scheint Schweiß abzusondern, meine Haare kleben an der Stirn und im Nacken. Ich schweife gedanklich ab und meine Schritte werden träge. Ich will mich gern hinlegen und die letzten Stunden vergessen. Die weiße Kapuze. Wo ist sie? Scheiße, scheiße, scheiße! Gordon bringt mich um, wenn ich sie nicht umbringe oder zumindest zurückbringe. Gehetzt fliegen meine Augen hin und her, ich drehe mich im Kreis, verliere meine Orientierung. Ich streiche mir den Schweiß aus dem Gesicht und stütze meine Hände auf die Knie ab. Die Lunge feuert immer noch wie Sau. Wut steigt in mir auf. Nicht auf sie - eher auf Gordon. Auf seinen Scheißplan, auf die ganze Idee und auf mich, weil ich so blöd war und mich hab breitschlagen lassen. Ein Ast knackt. Ha! Nicht nur ich bin blöd, sie ist blöder. Ich denke an ihr angstverzerrtes Gesicht vorhin und muss grinsen. Als müsste sie vor mir Angst haben. Vielleicht vor Gordon, der ist irgendwie unberechenbar, seit der die Tussi aus dem Club mit ins Waldhäuschen gebracht hat. Ich merke, wie mir langsam die Angst den Nacken hinauf kriecht. Es nützt nichts, ich gehe langsam weiter, in die Richtung, aus der das Geräusch an mein Ohr gedrungen ist. Im Schutz der Dunkelheit und der Bäume muss ich doch noch eine Chance haben, der Schlampe wieder auf die Spur zu kommen. Plötzlich spüre ich einen dumpfen Schmerz in der Nierengegend. Ich will mir an den Rücken fassen, werde aber im selben Moment nach unten gerissen. Die Intensität des Schmerzes erstickt meinen Aufschrei. Scheiße, was war das? Ich will mich aufstützen, aber ein Gewicht drückt auf meinen Körper, ich kann meine Arme nicht befreien. "Halt still, Fettsack!" Das kann nicht sein, war das die raue Stimme der Kleinen? Wo kommt sie her? Das Geräusch ... Sie war doch gerade ... Meine Gedanken überschlagen sich, ich wende meinen Kopf zur Seite und sehe, dass der Mond zwischen den Wolken hervorgetreten ist und den Wald nun in ein gespenstisches Licht taucht. Konzentrier dich Maik, ermahne ich mich. Ich will mich aufbäumen, aber sie sitzt so ungünstig auf mir, dass ich sie nicht einfach abwerfen kann. Ich schwöre mir, endlich Sport zu machen und Gordon zusammenzustauchen, wenn das hier vorbei ist. Ich keuche bei einem erneuten Anlauf auf, mich zu befreien, da spüre ich ein Kratzen an meinem Hals und einen drückenden Schmerz, als sich ein Strick langsam in meine Haut bohrt. Die weiße Kapuzenjacke fällt mir ein! Ich würge, huste, schnappe nach Luft. Meine Arme klemmen immer noch unter ihren Knien fest, ich rudere damit. Mir wird schwarz vor Augen, ich komme zu mir, bunte Punkte vor meinen Augen, Pfeifton in meinen Ohren. Ich höre einen Kauz rufen, sie vor Anstrengung aufschluchzen und ein Gurgeln, was von meiner Kehle kommen muss. Stille.
Verloren
Dreißig Grad. Die Sonne knallt an diesem Tag besonders erbarmungslos auf die Erde. Zwischen den hohen Häusern wirbelt träge der Staub durch die Luft, als sie aus dem klimatisierten Ärztehaus am Rathausplatz tritt. Sie atmet stoßweise und unregelmäßig, der Arztbrief wellt sich langsam in ihrer schweißnassen Hand. Sie nimmt das bekannte Brennen in ihrem Magen wahr. Als würde dort ein fester Klumpen sitzen, die Kehle trocken und zugeschnürt. Sie geht ein paar wankende Schritte und lässt sich dann auf eine Metallbank fallen. Sie hasst es, im Sommer mit kurzen Klamotten auf den viel zu heißen, klebrigen Bänken zu sitzen. Das ist etwas für den Frühling oder Herbst, wenn sie eine ihrer Runden durch den Park dreht, mit einem wärmenden Tee in ihrem Thermobecher und einem Buch in der Tasche …
Aber solche Befindlichkeiten sind gerade nicht wichtig. Sie vermeidet es, den Brief anzuschauen, und fokussiert ihren Blick auf das Wasserspiel, das mittig auf dem Platz installiert ist. Dann schließt sie langsam die Augen. Einatmen, halten, ausatmen. Von vorn. Sie öffnet ihre Augen und schaut in die Wipfel der hohen Bäume. Schnee bedeckt sie und rieselt sacht in ihr Gesicht. Sie blinzelt und läuft weiter. Der frisch gefallene Neuschnee knirscht unter ihren Schuhsohlen. Wie sie dieses Geräusch liebt. Sie dreht sich mit ausgestreckten Armen einmal um ihre eigene Achse und muss lachen. Wie sie diesen Ort liebt! Glückseligkeit und Geborgenheit in einem.
Langsam geht ihr Atmen ruhiger. Sie ordnet ihre Gedanken und prüft ihre Ängste, die gerade dabei waren, sie zu übermannen. „Eins nach dem anderen“, murmelt sie und atmet tief die kalte, klare Luft ein. Erst mal muss sie das Cottage am anderen Ende des verschneiten Weges erreichen. Sie kann schon fast das süße Gebäck riechen, was dort gerade im Ofen goldbraun bäckt und auf sie wartet. Die warme Umarmung der Kaminluft mit verschiedensten Düften geschwängert. Sie nimmt bewusste Schritte, konzentriert sich erneut auf ihre Atmung und schaut sich mit liebevollem Blick an diesem vertrauten Ort um. Sie hört den vereinzelten Ruf eines Tieres im Wald, spürt die kalte Winterluft in ihrem Gesicht, hört den Flusslauf leise plätschern. Sie bleibt stehen und schließt noch einmal ihre Augen. Einatmen, halten, ausatmen. Sie öffnet ihre Augen und lässt den letzten tiefen Atemzug langsam gehen. „Mach's gut, Snow Crystal“, denkt sie, „ich komme wieder.“ Ihr Blick wird klar und sie blickt vom plätschernden Wasserspiel auf den Brief in ihrer Hand. Unaufhaltsame Realität.
Aber sie ist ruhiger, fast gelassen. „Zu Hause“, denkt sie, wie sooft „zu Hause, muss ich das Buch heraussuchen und noch mal lesen.“ Insgeheim weiß sie, dass sie es nicht tun wird, wie die vielen Male zuvor, wenn sie sich in den Weiten des tief verschneiten Snow Crystal zurückgezogen hat, weit weg von der bisweilen erschütternden Realität.
aber.
aber.
nichts aber!
ja, aber hörst du mir nicht zu?
schon.
aber du weißt doch ...
ich weiß und es bedeutet nichts.
ich denke aber doch!
von vorn. lass uns von vorn beginnen.
aber ich möchte nicht von vorn beginnen.
du hast keine wahl.
eine Wahl hat man aber immer.
was ist deine alternative?
ich, aber ...
ja?
aber nichts. du hast recht.
ja, hab ich?
vermutlich schon, aber ...
komm schon. leg das ABER endlich ab.
...
dir zu liebe.
...
damit du heilen kannst, damit neues entstehen kann, damit du wachsen kannst.
leg das aber ab und atme tief durch. du kannst von vorn beginnen. ich weiß das.
du weißt das. es ist nicht das erste mal. tu es für dich.
und wenn ich scheitere?
dann fang von vorn an.
und wenn ...?
dann fang von vorne an.
ABER ES KOSTET KRAFT, SO VIEL KRAFT
wenn du es nicht tust, dann ...
dann was?
dann kostet es nicht nur deine kraft.
sondern?
dann kostet es dich das kostbarste.
...
dein leben.
Hummel
Da ist sie wieder. Sie fliegt direkt an meinem Kopf vorbei. Ihr Ziel? Die leuchtend rote Mohnblüte vor mir. Es sieht fast so aus, als müsste sie etwas Anlauf nehmen. Ich bleibe stehen und warte ab. Ich weiß schon, was passieren wird, aber ich liebe dieses Schauspiel und nehme mir gern die Zeit dafür. Etwas später, die ganze Mohnblüte wackelt dabei, schiebt sich schwerfällig ein blauschwarzer, geflügelter, pelziger Ball rückwärts aus der Blüte. Eine über und über bestäubte Hummel.
Man sagt, nach den Gesetzen der Aerodynamik sei es Hummeln unmöglich, bei ihrem Flügelflächen-Gewichtsverhältnis zu fliegen. Die Hummel kümmert das nicht, und sie fliegt trotzdem. Oder es wird ein, da die Hummel die Gesetze der Aerodynamik nicht kennt, fliegt sie dennoch, ergänzt.
Das sogenannte Hummel-Paradoxon. Zum ersten Mal hörte ich als Kind davon. Ein lyrischer Text in einem Weihnachtsbrief, der Mut für das kommende Jahr machen sollte. Ich war zu jung, um zu wissen, was ein Paradoxon ist, aber seitdem freue ich mich ganz besonders über jede Hummel, die friedlich meinen Weg kreuzt, sich vor meinen Augen in Blütenkelche stürzt und sich mühsam und vollbeladen wieder herausarbeitet. Ihr Brummen klingt satt und angenehm in meinen Ohren und ihr träger Flug hat mir nicht nur einmal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Nun mag ein Kritiker sagen, dass man die Aerodynamik der Hummel nicht mit der eines Flugzeuges vergleichen kann, dass sie eben keine starren Tragflächen ihr Eigen nennt. Ja, das ist unbestritten und dennoch hat das Bild der kleinen Hummel, die eigentlich gar nicht kann, es aber dennoch tut, eine starke Wirkung auf mich.
Ein paar Jahre ist mein Hummel-Wissen (nicht aber meine Hummel-Freude) etwas in Vergessenheit geraten. Da sehe ich sie, als ich auf der Seite einer Tattoo-Künstlerin stöbere. Ein wunderbares Abbild einer süßen Hummel und sofort ist mir klar, "Das will ich auch!" Denn da, aus dem Nichts, ploppte das Hummel-Paradoxon wieder in mir auf, kindlich abgespeichert: Hummeln können gar nicht fliegen, sie sind dafür zu schwer und dick. Aber da sie es nicht wissen, fliegen sie trotzdem.
Wow, das hat gesessen. Seien wir doch mal ehrlich. Wie viele Pläne und Ziele scheitern schon im Vorfeld, ohne dass wir es je versucht haben? Nur, weil wir es in Gedanken so lange durchdacht und letztlich demontiert haben? Eine Ansammlung unzähliger Ausreden, warum es uns nicht gelingen könnte? Dabei wäre es manchmal doch ganz gut, ein kleines bisschen mehr von der Unbekümmertheit einer Hummel zu haben. Die Flügel auszubreiten, auch wenn sie uns vielleicht zu klein erscheinen und loszufliegen.
Ich trage nun eine kleine Hummel unter meiner Haut, die mich beim Blick in den Spiegel, spätestens, wenn ich darauf angesprochen werde, wieder daran erinnert, meine Grenzen zu hinterfragen, mutig, nicht überstürzt, loszugehen und das ein oder andere Mal auf das "Wird eh nicht klappen. Werde ich nicht hinbekommen", zu pfeifen.
NIEMAND.
Die vier hellen Brote springen mit einem metallischen Laut aus dem Toaster. Heiß, wie sie sind, bestreiche ich sie dick mit Nuss-Nougat-Creme und fange an, sie mit großen Bissen in meinen Mund zu stopfen. Ich benötige immer drei Bissen. Zweimal abbeißen, dann den Rest zusammenklappen und in den Mund schieben. Die nächsten vier Toast springen hoch. Die Zeit sitzt mir im Nacken, ich habe meine Tasche zum Glück gestern schon gepackt, aber ich muss noch zur Ausbildungsstelle laufen. Mein Atem geht jetzt schon stoßweise, mein Puls hämmert. Die süße Schokolade hat mir nur kurzzeitig Trost verschafft. Toll, jetzt tröstest du dich schon mit Essen … aber auch nicht schlimm, rede ich mir gleich gut zu, abgenommen hast du trotzdem. Ich stapfe mit meinen Stiefeln durch den Schnee, die Haare kleben mir an der Stirn, ich schwitze. Ich muss gleich dort sein, der Unterricht beginnt, und ich habe immer noch die Hälfte der Strecke vor mir. Ich komme so schlecht vorwärts, meine Beine aus Blei, meine Gedanken, ein Strudel aus den Beschimpfungen und dem Höhnen meiner Mit-Azubis und meiner Ausbilderin.
Alles bietet ihnen eine Angriffsfläche, es ist lächerlich. Meine Stiefel, meine Hose, die Länge meiner Haare, meine Brille, wie ich gucke, atme, nichts tue. Von meinen Leistungen ganz zu schweigen. Aber wie sollten die besser sein? Ich bin ihnen wieder ausgeliefert. Acht lange Stunden lang. Und doch sind diese Tage die Besseren. Wenn Sie sich lustig machen, Scherze auf meine Kosten, meine Klausurnoten vorführen, meine falschen Antworten nachäffen und ich versuche mitzulachen, bedacht, niemanden zu verärgern. Denn es kommen auch die anderen Tage. Die unsichtbaren Tage. Ich frage etwas und bekomme keine Antwort. Ich melde mich als Einzige und werde nicht drangenommen. „Niemand?“, fragt die Ausbilderin. Sie laufen direkt auf mich zu und rempeln mich um, als würde es mich nicht geben, als wären sie durch mich durchgegangen. Für alle außer mich wird Tee gekocht, allen wird ein Keks angeboten, außer mir. Es werden die Arbeitsblätter nicht weiter gereicht oder keine Kopie angefertigt, die Tür vor der Nase zugeschlagen.
Ich bin unsichtbar für sie.
Ich habe seit Tagen mit niemandem gesprochen. Meine Stimme klingt komisch kratzig, als ich das Brötchen bestelle und mein abgezähltes Geld auf den Tresen lege. Danke, sage ich. Der Nächste bitte, die Verkäuferin.
Mein Körper schmerzt vom Weinen, ich friere, weil ich kaum schlafe, zu wenig esse und wenn, dann nur Zeug in mich stopfe, ohne zu schmecken.
Ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann. Wie oft ich das noch kann. Würden sie es überhaupt merken, wenn ich nicht mehr komme? Wie viel Zeit würde vergehen, bis man sich fragt, wo ich bin? Ich schleppe meinen Körper zurück in die WG, in mein Zimmer. Ich lausche genau, damit ich niemandem begegne, ihr nicht begegne, denn sie wohnt auch hier. Die Anführerin. Ich bin nur in meinem Zimmer sicher, denn alles, was ich hier tue und sage, muss ich dort ein weiteres Mal büßen.
Ein neuer Lebensabschnitt sollte das sein nach den Mobbing-Erfahrungen in meiner Schulzeit. Alles anders, mein neues Ich. Dann wiederholt es sich und es passiert genau das Gleiche wieder. Bittere, schmerzhafte Ironie.
Der Feierabend
"Einaaaaaatmen! Halten, halten, halten. Und wieder ausatmen. Aaaaaaaaah. Und wieder einaaaaaaatmen! Halten ..."
Wo bin ich hier nur hingeraten? Auf dem Flyer, der im Foyer des Hotels auslag, hatte von dem, was mir hier geboten wird, nichts gestanden. Leicht und beschwingt in den Feierabend. Das hatte ich zumindest nicht mit Atemübungen und Walgesängen, die jetzt aus einem alten CD-Player dudelten, in Verbindung gebracht.
Ich schaue mich um. Die Gruppe ist bunt gemischt. Da ist ein Businesstyp im Anzug, der hoch konzentriert atmet, eine Mutti, ihrer großen Handtasche nach, an der eine Schnullerkette baumelt. Ein Damen-Trio, Ü60, mit dem gleichen grell pinken Sportshirt bekleidet und ständig am Kichern. Die Gruppenleiterin Saskia, die - sich jedes Klischee erfüllend - in einer gebatikten, weit geschnittenen Hose und einer wild gemusterten Bluse steckt und ihr Mann Herb, oder wie sie ihn vorstellte: Hööörb. Herb heißt im wahren Leben sicher Herbert, aber das passt wohl nicht so gut zum Lifestyle. Herb trägt ein erdfarbenes Leinen-Set und einen bunten Schal um die Stirn gebunden, der ihm bei seinen ausufernden Bewegungen schon mehrmals über die Augen rutschte. Beide haben eine Kette mit einem ungeheuer großen Stein umgelegt. Und dann bin da ich. Ich trage noch mein Kostüm und meine Haare streng hochgesteckt. Der Entschluss, hier herzukommen, war sehr spontan und ich konnte nicht ahnen, dass ich in den ersten Minuten schon meinen inneren Knoten tasten und frei atmen muss; - das erfordert ein Höchstmaß an Bewegungsfreiheit, wie ich nun weiß. Ich schiebe mich weiter nach links, um mich unauffällig hinter einer Steinsäule zu verstecken. Eventuell kann ich von hier aus auch ungesehen flüchten.
"Nun wollen wir zusammen mit einer Partnerperson die letzten Verspannungen freischütteln, bevor Hööörb uns mit einem Gurkencocktail erfrischen möchte", säuselt Saskia und klatscht aufmunternd in die Hände. Das Sportshirt-Trio nimmt die Mutti in Beschlag und Saskia und Herb scheinen uns anleiten zu wollen, sodass ich wohl oder übel mit dem Anzugträger vorliebnehmen muss. Gegenüberstehend und an den Händen haltend warten wir darauf, dass die Walgesänge von einsetzenden rhythmischen Klängen abgelöst werden. Lasst los lautet die Devise. Unser Schütteln würde sich zu einem Gleichklang bringen lassen. Eingeschüchtert von der Damengruppe rechts neben uns, die aneinander rütteln und reißen, sodass ich ein Schleudertrauma nicht ausschließen kann und wirklich harmonisch schwingenden, aber ausladenden Bewegung zu unser linken vom Leiterteam, beginnen wir langsam unsere Arme zu bewegen. Die Musik wird schneller und wir kommen langsam rein, während Saskia und Herb schon bald ekstatische Verrenkungen vollführen. Außer Atem rufe ich meinem Gegenüber ein: "Bist du auch schon freigeschüttelt?", zu, bekomme aber keine Antwort mehr, da sich just in dem Moment Herbs Kette löst und der schwere Stein mit Schwung an die Stirn des Businesstypen klatscht, der daraufhin unvermittelt meine Hände loslässt und zu Boden geht. Zum Glück kommt er gleich wieder zu sich. Und erstaunlicherweise ist sein ernster Gesichtsausdruck auf einmal verschwunden. "Beschwingt in den Feierabend stimmt schon mal", sagt er lachend in die Runde. Lachen ist wohl der wahre Schlüssel zur Entspannung.
versunken
Kalter Schweiß läuft mir über den Rücken, mein Atem geht stoßweise, mein Puls rast. Ich ducke mich weg, richte mich wieder auf und renne weiter. Die Sicht ist nicht gut, nur einige Meter weit und der Untergrund gefährlich uneben. Jetzt ja nicht stolpern. Dann kann ich ihm nicht entkommen. Und das muss ich. Dieses Mal muss es klappen.
"... ist fertig!" Was? Also, wo war ich? Ich schaue nach links und rechts, niemand zu sehen. Ich verlangsame mein Tempo und versuche meinen Pulsschlag zu beruhigen, einen Plan zu schmieden, wo ich unterkommen kann und wenn es nur für eine Nacht ist. Ich bin zu spontan aufgebrochen, aber die Chance hätte sich kein zweites Mal ergeben. Das Szenario hab ich so oft durchgespielt, dass es sich vertraut anfühlt, aber jetzt, wo ich ihm wirklich entkommen konnte, doch anders. Irgendwie.
"... du mich?" Das kann doch nicht ... "Hallo, hörst du mich? Das Essen ist fertig." Schmunzelnd stehst du an den Türrahmen gelehnt und wartest, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich kann spüren, wie meine Gesichtszüge entgleisen, als ich dich ansehe. "Was? Wie? Klar. Ich schreib’ nur schnell den Absatz zu Ende?" Du hebst deine Augenbrauen. "Nee, hast recht, ich speicher nur schnell und komme sofort." "Sofort. Ich bin gespannt", antwortest du und lachst in dich hinein.
Ich fühle mich gehetzt und merke, wie ich das Essen hinunterschlinge. "Süße, es rennt nicht weg und ich glaube, dein Körper freut sich mal über eine warme Mahlzeit." Recht hast du. Ich kaue langsamer und bewusster und atme einmal tief ein und aus. Jetzt erst nehme ich die Gewürze und Gerüche wahr, sehe den liebevoll gedeckten Tisch und höre die leise Musik im Hintergrund.
Ich lehne mich zurück und schaue dich an. "Dankeschön", sage ich leise, aber bestimmt. "Danke, dass du das mitmachst, meine Launen und Abwesenheit erträgst und es so schön für uns machst." "Gerne doch", du lachst. "Hey, was gibt es da zu lachen?", frage ich dich gespielt empört. "Du müsstest dich da einfach mal sehen." Anscheinend schaue ich etwas verständnislos. "Du bist völlig versunken, hakst auf den Laptop ein, als hätte er etwas verbrochen. Wahrscheinlich hätte ich dich wegtragen können und du hättest es nicht gemerkt." Wieder unterbricht dich ein Lachen und ich falle mit ein. Wie recht du hast. Seit Tagen schreibe ich an diesem letzten Kapitel und ich bin gar nicht im Hier und Jetzt. In einer Parallelwelt abgetaucht. Ich vergesse zu essen, wenn wir unterwegs sind, diktiere ich meinem Handy murmelnd meine Einfälle und während ich darauf warte, dass mir eine ganz bestimmte Formulierung einfällt, wippe ich vor dem Laptop meinen Oberkörper vor und zurück. Meine Haare müssten auch mal wieder gewaschen werden, aber ich wollte doch nur noch dieses eine Kapitel ... es ist wie ein Rausch. Ich bin im Schreibtunnel und ich liebe es. Aber es verlangt auch einiges ab. Mir, meinem Körper und auch dir.
"Erzähl mal, oder magst du mich überraschen?"
"Nein, gerne ... es klemmt eh grade etwas", sage ich kauend. Und dann nehme ich dich mit in die Geschichte hinein. Wir diskutieren eine Stelle, du googelst eine Entfernung, es wächst und wird runter.
Ich verspreche dir in Gedanken, dass heute der Laptop ausbleibt und der Abend uns gehört. Dann lasse ich meine Gedanken los. Morgen wieder.
Die Tür
Er drehte den Zündschlüssel um und der Motor erstarb. Mit einem Seufzen ließ er seinen Kopf an die Kopfstütze sinken. Letzte Nachtschicht von sieben Diensten. Er war müde und musste sich regelrecht zwingen, die Augen offenzuhalten. Verantwortungslos so zu fahren, aber die Busanbindung war eine Zumutung. Irgendwann, dachte er, würde es anders sein. Eine kleine eigene Praxis auf dem Land. Mit einem Ruck stieg er aus dem Auto aus, nahm seinen Rucksack und ging Richtung Hauseingang. Dabei wanderte sein Blick an der Hausfassade des anonymen Wohnkomplexes hoch. Im siebenden Stock brannte Licht in einem Fenster, das restliche Haus lag im Dunkeln. Er öffnete die Haustür und steuerte den Fahrstuhl an, ein Luxus, den er sich immer nach der letzten Schicht gönnte, sein Plan wurde allerdings durch ein rotes Defekt-Schild durchkreuzt. Er murmelte einen leisen Fluch, warf sich seinen Rucksack über die Schulter und machte sich an den Aufstieg in die achte Etage. Träge und gähnend bog er um die Ecke des letzten Stockwerks, als das Hauslicht erneut ausging. Er tastete sich zum Lichtschalter und drückte mehrmals. Nichts passierte. Also nestelte er im dunklen Hausflur seinen Schlüssel aus der Jackentasche und tastete das Schloss. Gleich geschafft, dachte er.
Er steckte den Schlüssel hinein, drehte nach rechts, aber es gab nicht nach. Er drehte wieder zurück, zog den Schlüssel aus dem Schloss und nahm erneut Anlauf. Wieder passierte nichts, er rüttelte am Türknauf, drehte den Schlüssel hin und her und ließ schließlich resigniert seinen Kopf gegen die Tür fallen. Er wollte doch nur in sein Bett. Auf einmal gab die Tür unter seinem Kopf nach. So unerwartet, dass er kopfüber in den hell erleuchteten Flur stürzte, der so gar nicht wie sein eigener aussah. Er stützte sich ab und schaute irritiert nach oben und direkt in die weit aufgerissenen Augen von Frau Paschke und in eine blank polierte Bratpfanne, die sie drohend über ihren Kopf schwang.
"Ach, du schei ... Schande. Entschuldigen Sie!", stammelte er und rappelte sich hoch. "Es tut mir leid, ich bin wohl in der falschen Etage. Das Flurlicht funktioniert nicht mehr, der Aufzug übrigens auch nicht und ich bin offensichtlich sehr müde", erklärte er und schob ein: "Es tut mir wirklich leid, dass ich sie erschreckt habe" nach. Zerknirscht schaute er auf die kleine Frau, die in ihrem geblümten Morgenmantel immer noch mit zum Schlag bereiter Pfanne vor ihm stand. Sie musste Ende 80, wenn nicht älter sein und hatte immer noch kein Wort hervorgebracht. Endlich huschte ein kleines verschmitztes Lächeln über ihr Gesicht. "Der junge Herr Doktor aus der Acht", sagte sie und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: "Fast wäre mir das Herz stehen geblieben. Haben Sie nicht mehr genug Patienten und müssen selbst für neue Kundschaft sorgen?" Sie lachte leise vor sich hin. "Ich schlage vor, Sie kommen mal mit rein. Nach dem Schreck brauchen wir wohl beide eine Tasse Tee, nicht?" Etwas umständlich trat sie zur Seite und zuckte entschuldigend mit den Schultern, als sie seinem Blick folgte, der immer noch die Bratpfanne in ihrer Hand visierte.
"Das wäre ja was geworden!", lachte er. "Fast hätten sie mich erwischt und dann wären die Kollegen gut beschäftigt gewesen, mich wieder zusammenflicken zu müssen." Jetzt lachten sie beide.
"Vielleicht haben Sie ja einen Baldriantee da?"
Festgesetzt
Mein rechter Arm und meine Hüfte schmerzen. Ich spüre nichts anderes als diesen Schmerz. Ich schaue vor mich hin. Wie viel Zeit wird vergangen sein? Wie lange liege ich schon hier? Im Raum ist es inzwischen dunkler und wenn ich die Schmerzen so intensiv wahrnehme, sind sicher Stunden vergangen. Meine Decke ist verrutscht, meine Füße sind eiskalt. Dieser Schmerz, überall und diese elende, abnorme Erschöpfung, die mich hier festhält. Wenn ich mich auf den Rücken drehe, wird es sicher besser.
Ich versuche, mich zu konzentrieren. Meine Nase juckt. Was wollte ich tun? Ach ja, der Schmerz. Konzentrieren, drehen. Ich muss ja nur das Bein nach hinten nehmen und das Gewicht verlagern. Ich spüre die Bewegungen fast, aber habe nichts ausgerichtet. Immer noch liege ich unbewegt auf unserem Sofa.
Die Tür öffnet sich leise. „Bist du wach?“ Ich blinzle einmal lang. Moment, ich hatte doch nur die Augen geschlossen. Komm schon, öffne sie wieder! Vor mir taucht dein Gesicht auf. Bekümmerter Blick. „Fatigue oder Migräne?“ Du wartest, schaust kurz auf mich und besinnst dich, dass Entweder-oder-Fragen nicht funktionieren. „Fatigue?“ Langsames Blinzeln – ja. „Schon länger?“ Langsames Blinzeln – ja. Ich will dir so gern sagen, wie sehr mir alles weh tut, meine Nase kribbelt, meine Füße so kalt sind. Ich starre dich an und versuche all das in meinen Blick zu legen. Du verstehst viel, wir haben ein starkes Band, aber eben nicht alles, so funktioniert das nicht. Du stehst auf, streichelst mir über meine Wange und gehst in die Küche. An den Geräuschen erkenne ich, was du machst. Du kommst mit einem Glas Wasser und einem Trinkhalm zurück und gehst vor mir wieder auf die Knie. „Magst du was trinken?“ Langsames Blinzeln – ja. Zwei zaghafte Schlucke, Wasser tropft auf deine Hand. „Mehr?“ Ich schaue zur Seite und schließe das eine Auge leicht – nein. Dann starre ich dich wieder an, du musst es doch verstehen, bitte, fleht mein Blick. „Willst du mal auf dem Rücken liegen?“ Ich will ja schreien! Aber ich zwinkere nur langsam, nichts vermasseln jetzt. Du drehst mich um, steckst die Decke wieder unter. Mir laufen Tränen über die Wangen, weil es so gut tut. Die neue Position und das Verstanden werden.
Ich wünschte so, sie könnten alle sehen, wie es wirklich ist. Könnten mich sehen und würden mir Glauben schenken. Ich wünschte, sie würden es nicht abtun, mich nicht nach meinem Äußeren beurteilen, verurteilen, in Kategorien einteilen. Nicht weghören. Aber so bleibe ich irgendwie die ewige Simulantin. Immer dieser Unterton „Ja, ich hab' Sie schon verstanden.“ Ja, wirklich?
Ich bin abgeschnitten, begrenzt, isoliert. Das ist es, was diese chronische Krankheit mit mir macht. Ich bin auf Hilfe angewiesen, auf Verständnis, auf Geduld. Mein halbes Leben ist ein Zugeständnis.
Es gibt sie, die guten Tage, aber sie sind selten und kein Vergleich zu einem guten deiner Tage. Ich vermisse so oft meine Kraft, meine Konsequenz, Dinge zu beenden. Ich vermisse mein Lachen und meine Spontanität. Ich vermisse schmerzfreie Tage, vermisse manche Erinnerung und ertrinke, besonders an diesen Tagen, in anderen.
Ich bin so viel mehr als diese Hülle, dieser Körper und dennoch gibt er so oft den Takt an und setzt vieles von mir einfach fest. Ich vermisse mich.
Der Schlüssel
Im Rückblick, sagten sie mir, hätte das ganze Szenario wie ein Trickfilm aus den Neunzigerjahren gewirkt. Unwirklich, wie in Zeitlupe. Nun gut, so hat es sich auch für mich angefühlt und irgendwie nicht, denn so ganz genau kann ich gar nicht sagen, was da passiert ist.
Es dauert auch, bis ich etwas erfahre und solange kauere ich vollkommen verdutzt mitten auf dem Bürgersteig und reibe meinen Steiß, während Janne und Steph sich vor Lachen ausschütten. Janne kniet auf den Boden und schlägt sich, weit ausholend, immer wieder mit der rechten Hand auf ihren Oberschenkel, während Steph sich neben ihr über dem Gartenzaun abstützt und in einer Art Starre lautlos, aber mit aufgerissenem Mund vor sich hin lacht. Ihr spritzen dabei Tränen aus den Augen und gelegentlich grunzt sie. Und das sollen meine Freundinnen sein? Prima. Gut, ich sollte nichts sagen, ich kann ein ziemlich schadenfroher Mensch sein. Ein kurzer Videoclip, wie jemand stolpert, beim Backen über und über mit Mehl bestäubt wird oder ähnliches und mich reißt es genau so. Und ja, über meinen Ausrutscher hätte ich sicher auch gelacht, wenn er nur eben nicht mir passiert wäre.
Ich nutze die kurze Pause, in der die Beiden versuchen, Luft zu holen und sagte etwas ruppig: "Danke auch, es geht mir gut." Das war ein Fehler, denn nachdem sie sich japsend angeschaut haben, prusten sie erneut los. Langsam steigt auch in meinem Magen ein Glucksen auf. "Also echt mal, was seid ihr denn für Freun ... din .... nen?", protestiere ich noch einmal, dann ist es auch um mich geschehen und ich falle in das Gelächter ein.
Später, als wir uns beruhigt haben und weiterlaufen, da erzählen sie endlich. Die Stimmung ist lebendig und aufgekratzt und das ausgelassene Lachen und die Kälte haben unsere Wangen gerötet.
"Du hopst da so und auf einmal, wie aus dem Nichts, reißt es dir die Füße weg! Nee, wie du da gewirbelt bist, das war so surreal und ich bin so froh, dass du dich nicht verletzt hast, aber ehrlich, Tine, das war einmalig", sagt Janne. "Dazu halt dieser Aufzug!" Ja, mein Herumblödeln hätte ich mir vielleicht bei dem vereisten Weg sparen sollen, mein Steiß wird bestimmt himmelblau. Aber sie hat recht, in meinem Hasenkostüm muss das schon irrwitzig ausgesehen haben. Wir geben eh ein lustiges Trio ab: Ein Hase, der durch die Luft wirbelt und daneben ein Frosch und ein Bär, die sich die Bäuche vor Lachen halten - ein Hoch auf die Faschingssause.
"Aber ... aber das Beste ...", Steph wird von einem Lacher unterbrochen, "das Beste war, als du hochgewirbelt bist und zeitgleich dein Schlüsselbund heruntergefallen ist. Es sah aus wie bei Bugs Bunny." Wir kichern.
"Moment mal", ich bleibe abrupt stehen, sodass Janne, die schräg hinter mir war, aufläuft. "Wo ist mein Schlüssel?" Panisch schaue ich mich um und fange an unruhig mein Kostüm abzuklopfen. "Er ist weg, wir müssen zurück. Oh shit." Augenblicklich sind wir ernüchtert. So gut es eben geht, rennen wir die letzten Meter zurück. "Okay, ihr wisst ja, er ist ziemlich auffällig, er kann nicht weg sein." Lange müssen wir auch nicht suchen. Mit Schwung hat es den Schlüssel über den Gartenzaun in den Vorgarten geschleudert, wo er geradewegs auf einem aus der Form geratenen Schneemann landete. Mitten in seinem Gesicht baumelt nun die Plüschkarotte, die ich daran befestigt hatte. "Punktlandung!", sage ich, dann prusten wir los.
Der Mantel
Da steh ich nun. In einen rosa Mantel gehüllt. Ein Traum aus kringeliger Wolle. In einem der zahlreichen Spiegel in deiner Boutique sehe ich mich, zumindest die veränderte Version von mir. Wie ein rosa Schäfchen, denke ich.
Du bist auf jeden Fall begeistert. Schwirrst um mich her, zupfst den Mantel zurecht und ziehst unermüdlich die etwas zu groß geratenen Schulterpolster. Ich schaue wieder in die Spiegelfront und bewege mich hin und her. Der Mantel ist wirklich bequem, aber sehr teuer. So genau kann ich es nicht sagen, ich habe mir nur teuer gemerkt. Unverschämt teuer. Es kümmert mich erstaunlich wenig, denn ich will dir eine Freude machen. Du und deine Boutique, ihr habt das verdient. Du strahlst so schön, in deinem olivgrünen, wallenden Kleid eine große Kette umgelegt. Schwer, silbern. Genau dein Ding. Nicht, dass ich das gewusst hätte, wir kennen uns noch nicht so lange, aber dein Einrichtungsstil spricht eine überdeutliche Sprache. Strahlend weiße Wände, überall Spiegel unterschiedlichster Größe und im hinteren Raum eine ganze Spiegelfront. Dazu Chrom, viel Chrom und ein weißer Teppichboden, bei dem ich mich unwillkürlich frage, wie du den sauber hältst. Oder hast du zu wenig Kundschaft? Das wäre natürlich traurig.
Ich schreite etwas auf und ab, während du ... Ja, wo bist du eigentlich? Ach egal, Ich fahre mit meinen Fingern an einer Reihe grellbunter Blusen entlang. So gar nicht mein Stil. Dann wandert mein Blick zurück zum Spiegel. Hach, der rosa Mantel! Ich drehe mich wieder und betrachte mich und auf einmal stehst du wieder neben mir. Wo kommst du so schnell nur her? Du plapperst einen nächsten Schwall Komplimente vor dich hin und der Klang deiner Stimme, deine wohlwollenden Worte lullen mich ein. Wie schön. Irgendwie bin ich ganz schön müde, denke ich mir, während du mir aus dem Nebenraum zurufst. Warst du nicht gerade noch hier? Ich folge dir, nur um wieder an der gleichen Stelle aufzutauchen. Der Boden ist hier allerdings weicher. Ich schaue nach unten und sehe weiche, weiße Felle, die meine Schritte abfedern. Als ich hochschaue, entdecke ich noch mehr Chrom und Blumen. Um genauer zu sein, Kunstblumen. Große grüne Stoffblätter und weiße und lila Orchideen. Ich drehe mich zu dir um und muss etwas lachen. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut. Sowas.
Irgendwie ist mir so sonderbar. Ich sollte langsam mal gehen. Ich werfe noch einen Blick in den Spiegel und mir fällt auf, dass der Mantel bis auf den Boden reicht. War das vorhin schon so?
"Ich nehme ihn gern Sofie", sage ich. Ich würde dich auch gern fragen, ob du ihn eine Nummer kleiner hast, aber ich bekomme es nicht über die Lippen. Herrschaftszeiten, was ist denn nur los? Ich reiche dir meine Hand und du schlägst ein. Geschäft besiegelt. "Dann kann ich dir jetzt auch das Highlight zeigen, dreh dich mal um!", forderst du mich strahlend auf.
Ich tue wie mir geheißen und staune nicht schlecht. Hinten ist nichts. Der Mantel endet unterhalb der Rippen, eher ein Jäckchen, während vorn zwei rosa Lappen lose bis zum Boden baumeln.
Ich wache auf. Was war das denn für ein Traum, denke ich und muss tatsächlich lachen. Ich muss dich unbedingt anrufen. Fell, Chrom, Plastikblumen und du? Eine wilde Mischung, da können wir bestimmt gemeinsam lachen.